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Donnerstag, 6. März 2014

Fastnacht

In Norddeutschland gibt es - wenn überhaupt - den Fasching.
Der Rheinländer feiert - mit großer Überzeugung und Begeisterung - den Karneval.
Und hier im Süden heißt die Närrische Zeit eben Fastnacht.

Wer uns kennt, der weiß, dass wir mit Maskerade und komischem Treiben nichts am Hut haben. Aber wenn man nun mal inmitten so einer Hochburg wohnt, dann sollte man sich doch mit dem Thema beschäftigen und zumindest einmal so gut es geht mitmachen. Und das taten wir auch:

Sonntag:

Große Fastnachtsparade in Kreuzlingen. Um 14 Uhr sollte es losgehen, und Nils meinte, nur die Paradeteilnehmer wären hier verkleidet, nicht aber die Zuschauer. Also ießen wir unsere Hasenohren und die Scherzbrille noch zuhause und marschierten los ins Zentrum von Kreuzlingen.
Pünktlich um 14 Uhr ertönte der Knall einer Kanone, was das Zeichen für den Start der Parade ist. Wir hatten uns einen Platz mitten auf der Verkehrsinsel gesucht, auf dem wir einen guten Ausblick auf die heranmarschierende Fastnachtsmeute hatten. Vom Publikum war doch ein großer Teil verkleidet und maskiert, aber es war trotzdem nicht unangenehm, ohne Narrengewand unterwegs zu sein.
Als der Umzug dann endlich bei uns ankam, war ich beeindruckt. Ich hatte schon einiges von den tollen Holzmasken gehört, die hier traditionell getragen werden, und auch im Fastnachtsmuseum hatten wir uns ja schon einige Kostüme angesehen. Aber die Gestalten in natura zu sehen, ist doch noch anders. Da sind schon ein paar ganz schön gruselige Gesellen dabei.








Der Fastnachtsruf lautet hier "Ho Narro!", und das tönte von allen Ecken und Enden durch den Ort. Statt Bonbons wird hier ordentlich Konfetti in die Menge geworfen. Nils hatte ja im letzten Jahr schon Erfahrung damit gemacht. Hier schmissen die Narren aber nicht allzuweit mit den Papierschnipseln, so dass wir kaum etwas abbekamen.









Insgesamt 63 Gruppen nahmen an dem Umzug teil, die aus verschiedenen Orten in der Schweiz und Deutschland angereist waren. Große Wagen oder Gefährte waren nur wenige dabei. Hier in der Gegend liegt der Fokus mehr auf den Gruppen und deren traditionellen Kostümen.
Das Spetakel dauerte knappe 2 Stunden. Danach verlief sich die Menge ein wenig auf der Haptstraße. Hier waren einige kleinere Fress- und Trinkbuden aufgestellt, und auch die Guggen (Blaskapellen) stellten sich an verschiedenen Stellen auf und gaben noch einmal ihr Können zum Besten.
Das Konfetti, das überall in dicker Schicht auf der Straße lag, wurde von den Kindern fleißig eingesammelt. Ganze Mülltüten füllten sie mit dem Kram. Das wird bestimmt im nächsten Jahr wieder zum Einsatz kommen.
Der Boden voller Konfetti.
Wir liefen noch ein bisschen rauf und runter, teilten uns eine Portion Raclette und gingen dann nach Hause.

Schmotziger Dunschtig:
Der Schmutzige Donnerstag ist der Haupttag der Schwäbisch-Allemannischen Fastnacht. Jeder, der irgendwie kann, ist in Konstanz in der Altstadt unterwegs. Von 0 bis 99 Jahren ist dort alles vertreten, und geschätzte 95 % der Leute sind kostümiert - meistens von Kopf bis Fuß.
Für die Narrenzünfte und -vereine beginnt der Tag damit, dass man sich um 6 Uhr versammelt und dann mit seinen Blaskapellen und Lärminstrumenten durch die Straßen der Altstadt und einiger Wohngebiete zieht, um die Menschen zu wecken. Später wird dann das Rathaus gestürmt und 'übernommen'. In der Fastnacht regiert der Narr. Kindergärten, Schulen und manche Firmen werden von den verschiedenen Narrengruppen 'befreit', das heißt, der Unterricht fällt aus, und auch einige Firmen geben ihren Mitarbeitern frei.
Anschließend treffen sich die Gruppen zum Frühstück, um sich für den Rest des Tages zu stärken.
Um 13 Uhr kam ich am Konstanzer Obermarkt an, genau rechtzeitig um mir das Jakobiner-Tribunal nicht entgehen zu lassen. Hier wird jährlich eine Persönlichkeit aus Konstanz oder Umgebung vor Gericht gestellt und angeklagt. In diesem Jahr war Rainer Wiesner dran, der GF vom Südkurier. Der Jakobiner-Verein führt dieses Tribunal aus, wobei der Angeklagte auf einer Bühne zur Schau gestellt wird. Ein Richter führt durch die Veranstaltung. Die Anklage wird verlesen, danach ist der Verteidiger an der Reihe. Zeugen kommen ebenfalls zu Wort - entweder für oder gegen den Angeklagten. Alles wird in Reimform und in Dialekt vorgetragen und führte beim lauschenden Publikum zu manchem Lachanfall oder begeistertem Gejohle. Die meisten Jokes habe ich nicht verstanden, da ich die Zeitung nicht lese und auch sonst diverse Anspielungen oft mangels Insiderwissen nicht verstanden habe.
Trotzdem war es eine sehr spaßige Veranstaltung. Das letzte Wort hatte dann der Angeklagte selbst, der das Prozedere bravourös durchgestanden hat und dann nach einer kurzen Beratung des Richters und der Anwälte in Ermangelung einer Gouillotine seinen Kopf behalten durfte. Er wurde dazu verdonnert, ein Sonderblatt des Südkuriers an Ort und Stelle zu verteilen, dessen Inhalt er nicht kannte. Er schnappte sich den Packen mit Blättern und begab sich in die Menge und verteilte frühlich die Zettel. Ich bekam auch einen. Es war eine Seite DIN A 3 vorne mit einem großen Bericht über das eben abgelaufene Tribunal und hinten mit diversen Traueranzeigen. Gespickt war das ganze dann noch mit Werbeanzeigen für das letzte Mahl, die neueste Hinrichtungsmode und den tollen Sekt Henker Trocken.
Das mit den Todesanzeigen war z.B. so eine Sache, die ich nicht richtig verstanden habe. Es war so etwas im Sinne von "in Konstanz will niemand mehr sterben, weil die Traueranzeigen im Südkurier so langweilig sind". Verstehe ich immer noch nicht  ....  naja.
Nach dem Tribunal verstreute sich die Menge in der ganzen Stadt. Überall traf man auf die "Mäschgerle" (die Verkleideten), die zusammen große Party machten. Überflüssig zu erwähnen, dass die Geschäfte in Konstanz am Schmotzigen geschlossen bleiben. Viele haben sogar ihre Eingänge verbarrikadiert, damit nichts zu Bruch geht.
Ein bisschen schockiert war ich über den Müll, der überall herum lag, und die vielen Betrunkenen am hellichten Tag. Bei der Parade in Kreuzlingen war das doch etwas zivilisierter gewesen. Wahrscheinlich war das im Vergleich zu Rosenmontag in Köln noch gar nichts, aber ich bin ja auch nur so ein Mauerblümchen vom Dorf, das so etwas nicht gewohnt ist. Obwohl .... wenn ich da so an unsere Abizeit denke .... naja, Themenwechsel.


Wieder Sonntag:
Großer Fastnachtsumzug in Konstanz. Wieder 14 Uhr und wir wieder mittendrin - diesmal sogar mit unseren Verkleidungsaccessoires. Wir hatten uns mit U. und M. verabredet, die wir vor ein paar Wochen in einem Café kennen gelernt hatten, und trafen sie auf der Marktstätte. Allerdings befanden wir uns auf verschiedenen Seiten der Parade, so dass wir erst mal eine Lücke im Umzug finden und uns dann durch die Menschenmenge drängeln mussten. Das gelang aber und auf der anderen Seite gesellten wir uns dann zu den Beiden.
Wieder zog Gruppe um Gruppe an uns vorbei, rief "Ho Narro!" oder "Narri!", und wir riefen "Narro!" zurück. Ja, das ist ein bisschen ansteckend und hat irgendwie auch Spaß gemacht.
84 Gruppen waren es diesmal, aber irgendwie waren es eher gefühlte 400 Guppen. Viele Narrenvereine sind noch einmal in mehrere Untergruppen unterteilt, die teilweise ein ganz anderes Erscheinungsbild haben. Da gibt es die Kinder, die Jugendlichen, die Fanfarenzüge, die Fahnenschwinger und was nicht alles. Dabei ist alles genau geregelt, wer wie auszusehen hat, aus welchen Teilen das Häs (das Gewand, das Kostüm) besteht, welche Farbe Handschuhe und Schuhe haben müssen und wer an welcher Stelle im Umzug geht.




Wieder wurde reichlich Konfetti geworfen, aber diesmal auch viele Süßigkeiten für die Kinder. Eine Lieblingsbeschäftigung der Mäschgerle im Umzug ist es, die Zuschauer zu "strählen". Das bedeutet, dass sie ihr närrisches Unwesen treiben und die Menschen ein wenig ärgern. Z.B. werden da Haare verwuschelt, Wangen mit Ruß oder Theaterschminke bemalt, Mützen geklaut, Kapuzen mit Konfetti gefüllt oder junge Mädchen geschnappt und im Umzug mitgeschleppt, bis sie nach 500 m oder so wieder laufen gelassen werden. Wer so gestrählt wurde, soll sich freuen, denn das bringt Glück.
Das Strählen wird die gesamte Fastnachtszeit über gemacht. Dazu gehört auch, dass die Maskierten Sprüche aufsagen oder Leute ein bisschen veralbern oder ihnen die Meinung sagen (immer nett und nicht beleidigend).


Nach 3 Stunden war der Umzug noch lange nicht zuende, aber uns war kalt. Wir gingen mit U. und M. in ein Café, das dicht bei war und besorgten uns was Heißes zu trinken. An Sitzplätze war natürlich nicht zu denken, aber Hauptsache war erst mal, dass wir langsam wieder warm wurden. Wir stellten uns neben einen Tisch und hatten riesiges Glück, dass direkt dort nach etwa 5 Minuten 4 Leute aufstanden. Sofort stürzten wir uns auf die Plätze und konnten uns nun ein wenig ausruhen. Durch das Schaufenster hatten wir immer noch ein bisschen Ausblick auf die Parade, was ganz gut war.
Nach dem Kaffee trennten sich unsere Wege, U. und M. schnappten sich ihre Fahrräder und auch wir machten uns auf den Heimweg.

Rosenmontag:
An diesem Tag gibt es wieder einen Umzug, diesmal aber speziell für Kinder. Er geht nicht so lange und endet auf der Marktstätte, wo dann allerlei Kinderbelustigung geboten wird:  Seilspringen, Dosenwerfen, Eierlaufen, Wurstschnappen, .....





Dienstag:
Fastnachtsverbrennung. Am Aschermittwoch ist alles vorbei; das gilt auch in der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht. Daher wird zum Ende der Fastnacht am Dienstagabend vor dem Aschermittwoch eine überlebensgroße Strohpuppe verbrannt.
Auch hier wurde wieder ein großes Spektakel veranstaltet. Am Stadttor setzte sich ein Trauerzug aus den teilnehmenden Narrenvereinen mitsamt der großen Strohpuppe in Bewegung. Die Prozession endete am Stephansplatz, wo dann die Puppe aufgebaut wurde und die Gruppen und Zuschauer sich drum herum versammelten.
Es folgte ein Ablauf von Trauerrede, Narrengesang, Fahnenschwingern und Fanfarenmusik. Dann endlich wurde die Strohpuppe entzündet. Es war ein bisschen wie Osterfeuer, nur etwas kleiner und eben in Puppenform. Alles beobachtete, wie lange sich wohl der Kopf auf der Figur halten würde. Ob es lange oder kurz dauert, bis der Kopf herunter fällt, hat irgendeine Bedeutung, aber fragt mich nicht, welche. Einige Männer kümmerten sich darum, dass die Figur abbrennt ohne jemanden in Gefahr zu bringen. Sie kehrten auch immer wieder zu Überreste zusammen, um am Schluss ein hübsches kleines Feuerchen zu haben.
Die Fahrenschwinger traten noch einmal an, und diesmal warfen sie die Fahnen nicht einfach nur in die Luft, sondern über das Feuer rüber, wo ein Kollege sie auffing. Sehr gut einstudiert und total synchron funktionierte das prima.



Irgendwann rückten dann die Fanfarenzüge einer nach dem anderen ab, und auch die Zuschauer zerstreuten sich zusehends. Wir machten uns ebenfalls auf den Weg nach Hause, hielten aber an einer Bude noch an und teilten uns eine Butterbrezel und tranken dazu Kinderpunsch. Auf unserem Heimweg zog uns Fanfarenmusik zu einem weiteren Platz, wo wir die Reste einer weiteren Verbennung sehen konnten. Hier guckten wir auch noch kurz zu, gingen dann aber doch endlich nach Hause. Schließlich war es schon wieder ganz schön kalt.


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