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Freitag, 4. Oktober 2013

Das Rätsel von nebenan

Wir sind nicht unbedingt solche Menschen, die ihre Nachbarn beobachten. Mal hingucken und zur Kenntnis nehmen, was die treiben, das ist eine Sache. Aber ständig am Fenster hängen und sich den Kopf verrenken, wer da nebenan ein und aus geht oder welche Autos vor der Tür stehen, das ist ein anderes Thema.
Eine Sache, der wir aber nicht widerstehen können, das ist ein schönes Rätsel - ein Verhalten, das wir uns einfach nicht erklären können. So etwas fasziniert uns, und genau das haben wir hier zur Zeit.

Als wir in unsere Wohnung gezogen sind, sah die Terrasse nebenan verwaist aus. Nicht unbewohnt, aber so, als ob jemand die Möbel vorübergehend eingemottet hat. Es war Juni, also wunderten wir uns nicht, sondern nahmen an, dass da einfach jemand im Urlaub ist. Damit war das Thema erledigt. Nach 3 Wochen wunderten wir uns ein bisschen darüber, dass noch niemand zurück war; nach 4 Wochen überlegten wir uns andere Möglichkeiten, warum drüben immer noch niemand zu sehen war.
Es könnte ja sein, dass dort Studenten wohnen, die den Sommer über bei ihren Eltern sind oder jemand könnte die Wohnung als Zweitwohnsitz nutzen (ein sehr teurer zugegeben) oder jemand wohnt dort, der für eine gewisse Zeit an einem anderen Ort arbeitet oder ... oder ... oder. Der Phantasie sind da ja keine Grenzen gesetzt.

Eines schönen Samstags waren wir der Lösung des Rätsels nahe - dachten wir -, denn als ich für das Frühstück draußen den Tisch decken wollte und meinen Blick schweifen ließ, stutzte ich. Da stand doch eine Flasche Reinigungsmittel auf der Brüstung nebenan. Außerdem war die Wohnzimmer-Jalousie halb hoch gezogen. Wir frühstückten, und es geschah nicht viel dort drüben, aber unsere Neugier war geweckt.
Tatsächlich kam dann irgendwann ein junger Mann nach draußen und begann damit, den Tisch zu reinigen. Wir konnten es kaum fassen, winkten rüber, und er winkte zurück.
Nach dem Frühstück brachten wir unsere Sachen in die Küche und hatten dann drinnen irgendwas zu tun. Bei einem Blick aus dem Küchenfenster sah ich einen weiteren jungen Mann. Beide waren nun damit beschäftigt, den Stoffüberzug über dem Pavillion-Gerippe anzubringen. OK, dachten wir, das ist eine Männer-WG. Wahrscheinlich wirklich Studenten, die nun bald wieder ihr Studium aufnehmen müssen. Eine weitere Person betrat die Bühne, diesmal eine junge Frau; vermutlich die Freundin von einem der beiden oder eine gemischte WG. Das Rätselraten ging weiter, aber es sollte noch besser kommen.
Wir gingen weiter unseren Beschäftigungen drinnen nach, aber immer wenn wir in die Küche gingen, um etwas zu trinken, warfen wir verstohlen einen Blick nach drüben. Zugegeben, irgendwann waren die Blicke auch nicht mehr verstohlen, denn das Schauspiel auf der Terrasse nebenan war einfach unglaublich und es wurde immer rätselhafter.
Auf dem Tisch wurden kleine Schälchen verteilt. Plötzlich saß dort eine weitere junge Frau am Tisch und spielte mit einem Kind Karten. Die jungen Männer machten es sich auf den Sonnenliegen gemütlich und spielten an ihren Handys. Alle Erwachsenen rauchten wie die Schlote. 2 weitere Personen nahmen am Tisch Platz, dann wieder welche und dann noch mehr. Zum Schluss waren ca. 20 Personen auf der Terrasse, alle rauchten, es wurde gegrillt und getrunken und zusammen gesessen bis abends. Dann verabschiedete sich einer nach dem anderen und die Terrasse leerte sich wieder.
Wir hatten aufgegeben, herauszufinden, wer denn nun tatsächlich dort wohnt. Bei so vielen Menschen hatten wir den Überblick verloren. Es war uns jedenfalls klar, dass der oder die Bewohner nun zurück sind und das mit einer kleinen Willkommensparty gefeiert hatten. Von da an würde ja nun regelmäßig jemand auf der Terrasse sein, und dann könnten wir immer noch ins Gespräch kommen .... dachten wir.

Am nächsten Tag - Sonntag - frühstückten wir wieder draußen und registrierten, dass vom Pavillion wieder nur noch das Gerippe drüben stand; der Überzug war entfernt worden. Der schöne Holztisch war allerdings nicht wieder mit einer Hülle abgedeckt worden. Niemand hatte Anstalten gemacht, den kaputten Sonnenschirm zu reparieren, und niemand erschien auf der Terrasse. Den ganzen Tag gab es dort keine Bewegung und in der Woche danach nicht und überhaupt seitdem nie wieder.
Wie soll man das nun interpretieren? Nils meinte eines Tages mal, er habe drüben im Bad Licht gesehen. Und ja, da war wirklich abends regelmäßig Licht im Bad. Da das das einzige Lebenszeichen war, dachte ich an eine Zeitschaltuhr, die regelmäßig das Licht anmacht, um eine bewohnte Wohnung vorzutäuschen, wenn man nicht da ist. Tatsächlich geht seit der Party wohl regelmäßig abends immer zur gleichen Zeit in diesem Badezimmer das Licht an. Nur ein einziges Mal haben wir dort auch die Bewegungen einer Person gesehen. Ansonsten nichts.

Und das soll uns jetzt mal jemand erklären: Wer wohnt denn in so einer großen Wohnung und hat
1. nie die Jalousien oben oder gekippt, um Tageslicht rein zu lassen?
2. jeden Abend zur gleichen Zeit Licht im Bad an, lüftet dort aber nie?
3. eine 60 qm große Terrasse voll möbliert und betritt sie niemals (erst recht wenn man überlegt, dass praktisch alle Teilnehmer der Party geraucht haben)?

Hat jemand Ideen? Dann mal her damit. Wir freuen uns über Kommentare!

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