Seiten

Freitag, 4. Oktober 2013

Kühe, Käse und Kernspaltung

An der Überschrift kann man bereits erkennen, dass wir ein sehr abwechslungsreiches Wochenende hatten. Es war eine Mischung aus Kultur und Wissenschaft, Natur und Technik, Dorf und Stadt. Passt nicht, meint Ihr? Jaaa, passt doch. Muss man nur auf 2 Tage aufteilen.

Samstag, 28. September 2013:
Da wir früh aus dem Haus mussten, hatten wir den Wecker gestellt. Wir machten uns fertig, schmierten uns Stullen und verließen das Haus um kurz vor 8 Uhr. Das Gute daran, wenn man so früh mit dem Auto unterwegs ist, ist, dass man dem eigentlich permanenten Stau in und um Zürich einigermaßen aus dem Weg gehen kann. Das Ballungsgebiet konnten wir störungsfrei hinter uns lassen und weitere Kantone durchqueren. Im Thurgau gestartet, fuhren wir durch Zürich und Aargau nach Luzern. Dort inmitten des UNESCO Biosphärenreservats Entlebuch lag unser Ziel für diesen Tag: das Dörfchen Schüpfheim. Unsere Ankunft war perfekt getimt. Wir stellten das Auto auf den gekennzeichneten Parkflächen außerhalb des Ortes ab und liefen in das Zentrum hinein. Dort stand schon an der Hauptstraße alles voll mit Leuten, und es strömten immer noch weitere dazu. Wahnsinn, und zwischendrin floss immer noch der Verkehr, denn dieser Ort scheint eine wichtige Durchfahrt zu sein, wenn man das Tal Entlebuch durchfahren möchte oder muss. Aber es nützte alles nichts; ab 11 Uhr mussten sich die Autos einen anderen Weg suchen, denn dann wurde die Durchgangsstraße für den Autoverkehr für 3 Stunden gesperrt.

Und dann begann schließlich das Spektakel, auf das alle warteten: Die 10. Entlebucher Alpabfahrt. Zunächst kamen verschiedene Musikgruppen den Weg durch das Dorf gelaufen. Jodler, Sänger, Blaskapelle, Alphornbläser. Dazwischen immer viel Platz, damit die Gruppen hier und dort mal anhalten und etwas zum Besten geben können. Es gab Applaus, aber eigentlich warteten doch alle nur auf die eigentlichen Stars des Tages: die Älplerfamilien mit ihren Tieren. Ein komisches Geräusch kündigte die Ankunft der ersten Familie an. Es klang wie das Tosen eines entfernten Baches; als es näher kam, konnte man aber klar das Hufgetrappel und die mächtigen Glockenklänge heraus hören. Und dann kam auch schon die erste Familie in Sicht. Angeführt von einem Mädchen, das ein Schild mit dem Namen der Familie und der Alp drauf trägt, folgte der Rest der Gruppe. Zuerst kamen immer die älteren Tiere mit den ganz großen Glocken um den Hals, gefolgt von jüngeren Tieren und später dann die Kälber. Je jünger ein Tier, desto kleiner ist die Glocke und desto leiser ist auch der Klang. Die Großen machen einen ganz schönen Lärm. Wer davon mal einen Eindruck haben möchte, sollte sich unbedingt das Video ansehen, das ich gemacht habe. Die meisten Tiere sind prächtig geschmückt und auch die Bollerwagen, Traktoren und was da sonst noch in dem Tross dabei war, waren mit tollen Blumengestecken herausgeputzt.

Für die Zuschauer ist das ein toller Anblick und ein großes Vergnügen. Für die Älplerfamilien bedeutet dieses Event allerdings sehr frühes Aufstehen und eine Menge Arbeit.
Im Frühjahr bringen die Älplerfamilien ihr Vieh in die Berge auf die Alp. Dort weiden die Kühe und Ziegen den Frühling und den Sommer über auf den grünen Wiesen; die Familie verbringt den Sommer ebenfalls auf der Alp. Im Herbst dann ziehen alle wieder zurück ins Tal auf den heimischen Hof. Früher hat jede Familie für sich den Termin für die Abzug ins Tal festgelegt. Man warf einen Blick auf das Wetter und den Bestand der Vorräte und hat dann entschieden, für welchen Tag man den Abstieg plante. Irgendwann sind die Tourismusverbände aber darüber gestolpert, dass das eine riesige Attraktion und eine tolle Aufwertung der Region ist, haben sich mit den Familien zusammen gesetzt, einiges an Überzeugungsarbeit geleistet und dann vor 10 Jahren zum ersten Mal ein großes Event aus der Abfahrt gemacht.
Nun ist es so, dass der Termin für die Abfahrt bereits 1 Jahr im Voraus fest steht. Egal, wie das Wetter ist, an dem Tag wird der Abstieg erfolgen. Die Familien laufen zu abgestimmten Zeitpunkten mit Kind und Kuh los und sind dann nacheinander zum richtigen Zeitpunkt im Dorf. Dafür stehen die Familien sehr früh auf, machen die Blumengestecke, hüten die Viecher zusammen, dekorieren die Tiere mit den Blumen und den Glocken, und dann beginnt der Fußmarsch. Ca. 3 bis 3,5 Stunden dauert der Abstieg bis ins Dorf und von dort mussten manche Familien noch weitere 2 Stunden laufen bis zu ihrem Hof. Puh, Wahnsinn. Dass das die Rinder und auch die kleinen Kinder alles so mitmachen ....
Die Zuschauer haben ihre Gaudi. Zwischen den einzelnen Familien gibt es immer wieder lange Pausen im Umzug, die einem Zeit geben, sich mit Bier, Bratwurst und Raclette zu versorgen. Überall stehen die Musikgruppen und singen, blasen und jodeln. Das ist ein unglaubliches Durcheinander an sensorischen Eindrücken. Die Straße gleicht irgendwann einer einzigen Kackepiste, aber was soll's. Am Anfang haben wir noch peinlich darauf geachtet, nicht in den Mist zu treten, aber irgendwann ist das auch egal gewesen. Schuhe kann man ja sauber machen.


Zwischen 2 Familiengruppen nutzten wir die Pause, um von unserem guten Stehplatz neben einem Blumenbeet ziemlich am Ende der Paradestrecke ein bisschen die Straße hinauf zu gehen, um zu schauen, was es da sonst noch so gab. Und das war einiges.

Entlang der Straße waren überall Imbissbuden aufgebaut, die Leckereien anboten. Ein großes Highlight waren die Käsestände. Denn warum sind die Kühe oben auf der Weide? Klar, um gutes Gras zu fressen und dann leckere Milch zu geben. Und die leckere Milch wird von den Älplerfamilien entweder an die Käsereien der Region geliefert oder sogar selbst auf dem Hof zu Käse verarbeitet. An den ca. 20 Ständen, die entlang der Straße verteilt waren, probierten wir etliche Spezialitäten und entschieden uns dann für 2 Sorten, die uns am besten geschmeckt hatten. Der Rohschinken war ebenfalls megalecker, aber den gab es nur in Stücken zu 400 g oder mehr, und das war leider zu viel für uns. Die Käsehäppchen hatten den langsam anstehenden Hunger nicht gestillt, daher genehmigten wir uns jeder eine Portion Älplermagronen (Nudeln mit Kartoffeln - klingt komisch, schmeckt aber köstlich!). Die Männer, die die Fressbude bewirtschafteten, waren etwas überfordert mit dem Ansturm, taten aber ihr Bestes, um alle hungrigen Menschen satt zu bekommen. Die Portion war ok, und ich war komplett gesättigt. Nils holte sich noch eine Bratwurst, und dann war auch er bereit, den weiteren Weg anzutreten.




Wir schlenderten also langsam die Straße zurück, bewunderten noch die anderen Verkaufsstände, die regionale Spezialitäten und Kuhglocken im Angebot hatten.

Zurück am Auto fielen mir gleich 2 Personen auf, die da herumstanden, und ich dachte schon "Herrje! Nicht, dass jemand das Auto angeditscht hat." Auf solche Umtriebe hatte ich nun gar keine Lust. War aber nicht so. Die beiden hatten das Licht an ihrem eigenen Auto brennen lassen und fragten nun, ob wir ein Überbrückungskabel hätten. Hatten wir nicht, so konnten wir leider nicht helfen.

Mittlerweile war die Dorfstraße längst durch die Straßenreinigung von der Kuhscheiße gesäubert und für den Autoverkehr frei gegeben worden. Es hatte sich eine Riesenschlange von Autos gebildet, die sich durch die immer noch vorhandenen Menschenmassen kämpften. Polizisten versuchten, den Verkehr in geordnete Bahnen zu lenken, und auch wir mussten uns in die Autoschlange einreihen. Am Ende war es gar nicht so schlimm. Es dauerte nicht lange, dann waren wir durch Schüpfheim durch und hinter dem Ort war die Straße frei.
Es ging weiter durch das Emmental und die Kantone Bern und Fribourg in den Kanton Waadt und dessen Hauptstadt Lausanne. Dort hatten wir für die Nacht ein Zimmer reserviert, da wir am nächsten Tag weiter nach Genf wollten.
Das Hotel ist in einer ruhigen Seitenstraße gelegen. Mit einem Fahrzeugfahrstuhl beförderten wir unser Auto in die Tiefgarage, bezogen unser Zimmer und guckten im Internet nach einer Gelegenheit noch eine Kleinigkeit zu Abend zu essen. Nils suchte einen indischen Imbiss heraus, der in der Nähe war, und so machten wir uns auf den Weg.
Was im Internet nicht stand, war, dass der Imbiss bereits um 17 Uhr schließt, so dass wir leider um kurz vor 19 Uhr dort nicht mehr satt werden konnten. Enttäuscht schlenderten wir weiter und fanden etliche Restaurants, die aber hauptsächlich feine Küche anboten, wonach uns der Sinn gar nicht stand. Also gingen wir weiter zum Bahnhof, denn dort findet man doch immer irgendwas .... dachten wir. Aber außer Ticketschaltern und einem Zeitschriften- und Tabakkiosk fanden wir dort nur noch eine Brezelbude, die auch nicht das war, was uns vorschwebte.
Dies ist nun also die viertgrößte Stadt der Schweiz, und um 19 Uhr an einem Samstag sind überall schon die Fußwege hochgeklappt und die Läden geschlossen. Sehr frustrierend! 2007 waren wir schon einmal ein paar Tage in Lausanne, und nun erinnerten wir uns wieder zurück, dass es damals auch schon so ein Problem war mit den Öffnungszeiten und bezahlbaren Restaurants.
Da wir keine Lust hatten, den ganzen Abend da rum zu laufen, freundeten wir uns mit dem Gedanken an, unser Abendessen bei McDonalds einzunehmen, denn der war mit einer großen Filiale genau gegenüber des Bahnhofs vertreten. Missmutig überquerten wir die Straße, und siehe da .... die Rettung war doch so nah: direkt neben McD erspähte ich ein Vapiano. Sofort besserte sich die Laune, und dann gleich noch mehr, als wir den Laden betraten und sahen, dass noch gar nicht so viel los war. Der Schweizer spricht ja nicht vom Abendessen, sondern vom "Nachtessen". Er isst auch viel später (so ab 21 Uhr), daher war es noch recht leer um kurz nach 19 Uhr. Wir schluckten kurz, als wir auf die Preise sahen, denn hier muss man das ca. 2,5-fache von dem Bezahlen, was wir aus Deutschland kennen. Aber egal, denn das gilt für McD auch, und hier bekommt man wenigstens leckeres, frisches Essen für sein Geld. Wir orderten uns Pizza und einen Salat vorweg und fühlten uns wie in Hamburg.
Satt und zufrieden spazierten wir dann zum Hotel zurück, wo wir früh einschliefen.

Was wir dann am nächsten Tag erlebt haben, dass soll Euch Nils mal erzählen.

1 Kommentar: