
Die Nacht verbrachten wir in einem sehr stylisch renovierten Hotel in der Lausanner Innenstadt. Das Frühstück gab es im 9. Stock unter einer Glaskuppel - mit totalem Blick über die Altstadt und den Genfer See. Leider hatten hiervon nichts, denn es war trüb und regnerisch. Naja, machte nichts, denn ich hatte das Hotel wegen des Schnäppchenangebots und nicht wegen der Aussicht gebucht. Und außerdem wollten wir heute unter Tage.
Unser heutiges Ziel war das CERN, jenes Kernforschungszentrum, welches den weltgrößten Teilchenbeschleuniger betreibt. Dieser hat einen Umfang von 26 km und befindet sich halb auf schweizerischen, halb auf französischem Gebiet (OK, 50 Meter unterhalb). Das ganze Wochenende über konnte man sich die riesigen Areale mit ihren diversen Forschungseinrichtungen anschauen. Und das alles für lau.
Aufgrund des Besucheransturms von täglich 50.000 Menschen gab es verständlicherweise keinen Parkplatz vor der Tür. Die Organisatoren hatten aber ganze Arbeit geleistet und diverse öffentliche Parkplätze mit einem gut getakteten Bus- und Bahnshuttleverkehr eingerichtet. Außerdem war die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel im Großraum Genf kostenfrei. Wir parkten im IKEA-Parkhaus direkt an der Autobahn und gingen zu Fuß zur nächsten S-Bahn-Station. Von dort fuhr die Bahn in 10 Minuten direkt ins CERN.
Das ganze Areal hat eher den Charakter einer Kleinstadt mit weit verstreuten Stadtteilen. Auf dem Plan, den jeder Besucher in die Hand gedrückt bekam, waren die einzelnen Stationen hübsch farbig markiert. Dazwischen gab es regelmäßige Busverbindungen. Für unser Highlight, den Besuch des
ALICE-Experiments, hatte ich schon zwei Wochen vorher Tickets besorgt. Diese waren kostenlos, aber ohne diese wurde man nicht hinuntergelassen. Damit wurden wirkungsvoll die Besucherströme gelenkt. Um nichts falsch zu machen und nicht das zugewiesene Zeitfenster zu verpassen, fuhren wir zunächst zu dieser Außenstelle und registrierten uns. Dazu erhielt man einen Besucherpass zum Um-den-Hals-hängen. Das sah SEHR cool aus.

Die zwei Stunden bis zu unserer Tour verbrachten wir auf dem Hauptgelände, wo wir eine Führung durch eine der größten oberirdischen Versuchshallen mitmachten. Wie gesagt, das Event war hervorragend organisiert; überall standen Fachleute für Führungen und Fachgespräche bereit. Unsere Führung wurde in englisch abgehalten, was normalerweise kein Problem für uns wäre - aber bei den ganzen Fachbegriffen und der Erläuterung komplexer physikalischer Zusammenhänge stießen wir dann doch manchmal an unsere Verständnisgrenzen. Nichtsdestotrotz war es unheimlich spannend, hier die Bestandteile des Teilchenbeschleunigerrings einzeln und aus der Nähe zu sehen und erklärt zu bekommen. Es ist eben nicht trivial, eine Handvoll Protonen auf Fast-Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, diese auf Kurs zu halten und dann zur richtigen Zeit so abzulenken, dass sie im Zentrum der jeweiligen Versuchsanlage frontal kollidieren. Alle Maßeinheiten beginnen dabei mit "Millionstel-", Milliardstel-" und noch weniger. Und doch sind die Anlagen zur Messung einfach gigantisch groß.

Nach dieser Führung gingen wir durch den einsetzenden Regen zurück und stärkten uns in einem der Mitarbeiterrestaurants. Danach fuhren wir im Shuttle wieder zur Außenstelle, an der wir das ALICE-Experiment besichtigen konnten. Die Besucher wurden hier unterteilt in englisch- und französischsprachige Führung. Gut für uns, dass Genf schon halb französisch ist.

Nach eingehender Ausweiskontrolle mussten wir ein Haarnetz und einen Schutzhelm aufsetzen, und schon ging es im Fahrstuhl 50 Meter nach unten. Zunächst ging es einige Meter durch einen Versorgungstunnel, dann standen wir im Haupttunnel vor dem Beschleunigerring. Der sieht noch nicht übermäßig spektakulär aus, aber wenn man sich vorstellt was dort drin abgeht, ist das schon (im wahrsten Sinne des Wortes) cool. Kurze Zeit später standen wir dann in der Versuchshalle vor dem ALICE-Experiment. Diese Größe ist atemberaubend. Magnete, so groß wie ein vierstöckiges Haus und über 10.000 Tonnen schwer. Riesige Sensorenfelder. Die bei einem einzelnen Zusammenprall entstehende Datenmenge ist so gigantisch, dass für deren Verarbeitung eine eigenes Forschungsgebiet entstand. Hier am CERN wurde schließlich quasi als Abfallprodukt das World Wide Web erfunden. Der Rundgang führte an der Maschinerie vorbei und wieder in den Tunnel hinein. Aufgrund der Besuchermassen wurden alle Leute recht zügig durchgeschleust, so dass wir schon nach einer Dreiviertelstunde wieder oben waren.
Nach der Rückfahrt zum Zentralbereich schauten wir uns noch zwei Ausstellungen an, gönnten uns ein Abendessen und bekamen auf dem Weg zum Ausgang noch ein Lunchpaket geschenkt. Die waren anscheinend über und wurden von einem LKW aus verteilt. Am Ausgang kaufte ich mir noch eine Fleecejacke (mit Logo), dann ging es zurück zum IKEA. Die 325 km Autobahn schafften wir wieder ohne Stau in zweieinhalb Stunden.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen